Wissen wir, was wir tun?

Einige der korrekt gekleideten Teilnehmer der Besuchergruppe verzichten auf den zusätzlichen gemeinsamen Besuch des kleinen Museums in Oldoway, obwohl ein günstiges Gemeinschaftsticket den Eintritt verbilligt. Sie wollen sich stattdessen in der Zwischenzeit einen Kaffee kochen. Als sich dann später herausstellt, dass für das Ticket alle Angehörigen der Gruppe miteingerechnet worden sind, protestieren einige Kaffeetrinker lautstark, dass sie nicht für etwas bezahlen würden, was sie nicht gesehen haben.

In Oldoway sind aufsehenerregende Funde aus der Vorgeschichte gemacht worden. Vor vier Millionen Jahren war die Schlucht bereits der Aufenthalt von Vorfahren der Menschen. Hier lebten Mitglieder der Gattung Australopithecus robustus. Aber statt ehrfürchtigen Schweigens angesichts der Bedeutung des Ortes eskaliert der Streit unter den späten Nachkommen der Australopithecinen. „Sie haben Oldoway zur Kantine umfunktioniert und schreien wilde Worte“ kommentiert der Berichterstatter. „Es fehlt gerade, dass sie die Faustkeile aus den Vitrinen holen und beweisen, dass vier Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte den Kindern der Zivilisation eine hauchdünne Decke gebaut haben. Wenn sich, wie immer wieder und überall auf der Welt, das Archaische Bahn bricht, trägt sie nicht.“

Zu diesem Beweis ist es dann wohl doch nicht gekommen. Aber es ist merkwürdig genug, dass die Zivilisation solche und weit schlimmere Einbrüche des „Archaischen“ offenbar „immer wieder und überall auf der Welt“ erfährt. Die Deutung des Vorgangs wirkt aber ganz plausibel. Der gewöhnliche „Egoismus“ erscheint damit ebenso erklärbar, wie die nicht abreißenden Kriege und Bürgerkriege und die menschenverachtenden Grausamkeiten, zu denen Menschen so offensichtlich auf der ganzen Erde imstande sind. Es findet demnach üblicherweise seine letzte Ursache in der abgründigen, in ihrem Urzustand allen Mitmenschen feindlichen Natur des Menschen. Und ebenso selbstverständlich gilt, dass dieser furchtbaren Aggresionsbereitschaft nur mit Hilfe der Zivilisation beizukommen ist.

Man kann aber auch ganz andere Schlüsse ziehen und dass das in der Regel unterbleibt, sagt bereits etwas über die Natur dieses Vorgangs aus. Es ist nämlich denkbar, dass die beschworene Zivilisation selbst die Ursache dessen ist, was sie in Schach halten soll. Ich werde darauf zurückkommen. 

Diese Zivilisation hat die Menschen nicht menschlicher gemacht. Sie erweist sich im Gegenteil immer deutlicher als die eigentliche Bedrohung. Wie konnte sie sich trotzdem über eine so lange Zeit hin als Lebensform etablieren? Wie kommt es, dass alle so Zivilisierten noch immer glauben, dass die Zivilisation allen anderen Gesellschaftsformen überlegen sei und die Menschen menschlicher machte? Woran liegt es, dass zu ihrer Vorstellung von der Zivilisation das Bild eines stetigen Fortschritts bei der Zurückdrängung von angeborener Gewaltbereitschaft gehört, die man mit unreflektiertem Darwinismus so plausibel wie falsch der tierischen Vergangenheit der Menschen zuschreibt? Kann es nicht eher nachdenklich machen, dass die westliche Zivilisation heute die ganze Erde erobert und offensichtlich zugleich ihre eigenen Existenzgrundlagen zerstört? Ausgerechnet die gerühmte zivilisierte Gesellschaft ist unfähig, ihre selbsterzeugten Probleme dauerhaft zu lösen. Liegt es vielleicht doch am aggressiven Charakter der Menschen, oder an ihrem unersättlichen Egoismus? Den hatte Marx als bloßes Strukturmerkmal des Kapitalismus identifiziert, das nach seiner Auffassung mit diesem verschwinden würde. Von beider Verschwinden kann aber gar keine Rede sein und angeborene Selbstsucht gilt heute ausgerechnet in den so zivilisierten Gesellschaften als einziger Antrieb der Welt.

(Dies ist ein weiterer Ausschnitt aus der Überarbeitung eines schon vor einiger Zeit entstandenen Buches über die solidarische Liebe. Ich will das fortsetzen.)

Jesus, dieser staunenswerte Mensch aus dem jüdischen Nazaret, bringt das Wissen von der solidarischen Liebe in die Welt zurück. Er sieht, was andere Menschen seit unvorstellbar langer Zeit nicht mehr wahrnehmen, dass mitten in der entstellten Wirklichkeit eine andere verborgen ist. Er glaubt, dass Gott nicht wie ein „Herr“ die Welt regiert, sondern dass alle Menschen seine Kinder sind, die er als himmlischer Vater bedingungslos (also auch wie eine Mutter!) liebt. Darum kann er die gemeinschaftsbildende solidarische Liebe als den eigentlichen Sinn des Lebens erkennen; jeder Mensch trägt sie nach seinem Glauben als Möglichkeit gelingenden Lebens in sich. Dann aber ist die Erde nicht länger ein Ort des Todes. Aus dieser Gewissheit spricht seine Verheißung an die Menschen: „Ich lebe und auch Ihr sollt leben“.

In einer Welt, die zu seiner Zeit schon mehr als dreitausend Jahre lang mit Befehl und Gehorsam regiert wird, spricht Jesus von einer ganz anderen, herrschaftsfreien, Wirklichkeit und fasziniert die Unterdrückten, die Geschundenen und Beleidigten mit der Botschaft der Geschwisterlichkeit. Er predigt den Schwachen, den Kranken, den Frauen, den Kindern und verkündet den Armen eine menschenwürdige Zukunft in einer erneuerten Welt. In seiner Sprache nennt er sie ein irdisches Gottesreich (Lk 6,20), das aber „nicht von dieser Welt“ ist. Er meint damit eine Welt, in der es nur Herren und Knechte gibt. Denn das ist das radikal Neue, das Jesus in die Welt bringt. Er lehnt Herrschaft entschieden ab: „Ihr wisst,“ sagt er deshalb, „dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken“, aber „bei euch soll es nicht so sein.“ (Mt 20,25)

Christen haben später jahrhundertelang mit dem Kirchenlehrer Augustinus geglaubt, dass Gottesliebe sich vor allem durch Selbstverleugnung üben lässt. Jesus aber hat etwas ganz anderes gelehrt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ (Mt 22,39) Das heißt ganz unzweideutig, Menschen sollen sich selbst lieben und nach diesem Maßstab auch ihren Mitmenschen, in dessen Bedürfnissen sie sich selbst erkennen können. Das wichtigste also, was zu tun ist, sind keineswegs heroische Werke der Selbstverleugnung, sondern etwas sehr einfaches: Solidarisches Verhalten zum Mitmenschen, der auf mich angewiesen ist: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben…“(Mt 25,35) Damit ist eine neue Freiheit verheißen, die aus der solidarischen Liebe wächst. Das ist eine Liebe, welche die Welt wirklich ganz und gar verändert, weil sie die Angst und den Terror der Selbsterhaltung überwindet: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt…“ (Mt 6,25ff)

Das von ihm vorgetragene Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 2O,1-16) widerspricht folgerichtig und mit der gleichen Unbedingtheit dem mit der Marktwirtschaft heute noch unverändert geltenden Prinzip des Leistungslohns. Wie gut können wir gläubigen Nutznießer dieser Marktwirtschaft – also bestens vertraut mit deren spezieller „Gerechtigkeit“ – heute verstehen, dass in der Erzählung einige Arbeiter „zu murren“ begannen, weil sie für gleichen Lohn länger arbeiten mussten. Aber in einer solidarischen Gesellschaft wird keine Leistung verrechnet, muss keine Lebenszeit gegen Geld aufgewogen werden. Weil die Pseudogerechtigkeit der im Geld scheinhaft objektivierten Äquivalenz, das Grundprinzip marktregulierter Tauschverhältnisse, außer Kraft gesetzt ist und alle Privilegien, durch die gesellschaftliches Ansehen, Rang und Hierarchie vermittelt werden, ihre Bedeutung verlieren. In einer Gesellschaft, in welcher der Mensch seine Existenz nicht mehr rechtfertigen muss und jeder für jeden einsteht, wird Herrschaft gegenstandslos und so die in ihr wirksam werdende Ungerechtigkeit überwindbar.

Christen und die vom Christentum geprägte Welt glauben aber noch immer, dass der Sinn des Lebens und Liebens Jesu sich in seinem grauenhaften Tod vollendet. Der Tod eines vollkommen Unschuldigen, dessen Verfolgung eigentlich absolut unbegreiflich ist und deshalb aus der Verblendung sündiger Menschen und mit dem unerforschlichen Willen Gottes erklärt wird. Wenn man aber bedenkt, dass Jesus nicht nur die Herren sondern fast alle zivilisierten Menschen durch seinen grundsätzlichen Verzicht auf Herrschaft herausgefordert hat, wenn einem bewusst geworden ist, wie die Herrschaft Menschen und ihre durch sie aus den Fugen geratene, lieblose Welt nur gewaltsam und verkrüppelt durch den Betrug der Selbsterhaltung in ihre haltlose Ordnung zwingen kann, wird man die ungeheure Erschütterung spüren, die Jesus mit seiner Lehre und seinem beispielhaften Leben bewirkt. Die Radikalität dieser Entscheidung für ein Leben aus Liebe kündigt tatsächlich den Umsturz an. Wenn Jesus sagt, „Ich mache alles neu“, heißt das: Die bestehende Welt gerät ins Wanken, weil er ihren grundlegenden Maßstab in Frage stellt. Also nicht nur die Machthaber in seiner Zeit müssen gespürt haben, dass damit der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung die Legitimation entzogen wird. Viele wollten deshalb sich und ihre Welt durch seinen Tod retten.

Ich persönlich halte es für offensichtlich, dass die Sprengkraft seiner Lehre mit ihrer kompromisslosen Entscheidung für die Liebe jede Form von Herrschaft und herrschaftlichem Verhalten in Frage stellt. Deshalb war und bleibt es gefährlich, sich zu ihr zu bekennen. Aber immer noch fordert uns Jesus auf, unser Verhalten nach seinem Beispiel gründlich zu ändern und endlich solidarisch zu leben. Doch heute wie damals werden wir von starken, unbewußt wirksamen Wahrnehmungs- und Denkverboten blockiert. Dieselben Tabus wie damals hindern uns immer noch, ihn überhaupt zu verstehen.

So ist es vielleicht auch verständlich, dass einige seiner eigenen Anhänger dem Anspruch dieser Lehre nicht gewachsen waren. Sie verkehrten sie, ohne ihren tiefsten Sinn auch nur an sich heranlassen zu können, guten Glaubens in ihr vollständiges Gegenteil, indem sie wie Paulus Jesu Vision einer neuen Welt an die alte, unveränderte Herrenwelt anpaßten. Damit scheint die einzige Kraft, welche das Verhängnis aufhalten könnte, endgültig gescheitert zu sein. Tatsächlich aber bringt gerade die von diesem Christentum geprägte Gesellschaft die Zuspitzung der Herrschaft hervor, die schließlich deren Untergang bereits vorbereitet. Ob es gelingen kann?

Bürgerliche Freiheit?

Dass der neu gewählte Deutsche Bundespräsident unter dem Beifall zahlreicher Gleichgesinnter den Bürgern Freiheit als höchsten Wert der Bundesrepublik empfiehlt und einschärft, liegt offensichtlich an seiner Befangenheit in den Auffassungen aus der Frühzeit des Bürgertums. Der damals beliebte Freiheitsbegriff stammt aus den feudalen Wurzeln bürgerlichen Denkens. Deshalb ist es auch so unverständlich, dass Parteien, die ein Publikum gewinnen wollen, das an einen durch soziale Gerechtigkeit zähmbaren Kapitalismus glaubt, wie die SPD und die Grünen, diesen Freiheitsbegriff teilen. Weil der an Gerechtigkeit gar nicht orientiert ist.

 Das anfangs revolutionäre Bürgertum verstand Freiheit damals nämlich nicht als Überwindung von Herrschaft, sondern als Teilnahme an ihr – wie unser neuer Bundespräsident und die neue Große Koalition aus Regierungs- und Oppositionsparteien heute. Letztere mit Ausnahme der Linken – denen möchte man die Hoffnung auf Solidarität also noch zutrauen. Die anderen wollen mit den heroischen Frühbürgern nur die Teilnahme aller an der Herrschaft. Sie wollen die alte feudale Verfestigung herrschaftlicher Positionen, das feste Oben und das unverrückbare Unten innerhalb einer gottgegebenen Hierarchie beseitigen – um selber mitzuherrschen. Bürgerliche Autonomie, ihre Ordnung, ihr Gesetz sind Formen der Ausübung ihres Herrschaftstraums. Weil es sich also immer um Herrschaft handelt, wenn von (bürgerlicher) Freiheit die Rede ist, gehört dazu auch immer ihre prinzipielle Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des Einzelnen und die daraus zwangsläufig entstehende Ungerechtigkeit. Nur so kann man guten Gewissens Hartz 4 und eine Reservearmee von 3 Millionen Arbeitslosen und 8 Millionen Geringverdienern installieren. Selbstverständlich ist das auch konsequent. Herrschaft und soziale Gerechtigkeit, Herrschaft und solidarische Freiheit gehen grundsätzlich nicht zusammen. Dabei hilft auch nicht die abstrakt zu jener Freiheit hinzugepredigte „Verantwortung‟, weil diese ohne den konkreten Bezug auf die aus der Solidarität entspringenden Rechte des Betroffenen nur eine andere Gestalt von rücksichtsloser Freiheit, also gnadenloser Herrschaft, bedeutet.

Galaxis Andromeda

Nur Liebe ermöglicht Menschen frei zu Leben

Solidarität und Herrschaft bilden nach meiner Auffassung die Schlüsselbegriffe zum Verständnis der Situation der Gesellschaft. Deshalb habe ich versucht, sie in ihrer Beziehung zueinander zu begreifen, um sie neu zu verstehen.

1.1 Solidarität … (steht jetzt auf der Seite “Herrschaft und Solidarität” siehe auch oben)

1.2 Herrschaft wirkt in allem …

Herrschaft wird meistens als staatliche Herrschaft verstanden. Und tatsächlich sind wir auf vielfältige Weise staatlicher Herrschaft unterworfen. Aber Herrschaft ist in unserer Gesellschaft viel umfassender wirksam. Doch wie sie wirklich ist und wie sie wirkt, bleibt fast immer verborgen. Um ihr Wirken wahrzunehmen, müssen wir lernen, den Begriff neu und viel umfassender zu verstehen.

Das klingt wohl einfacher, als es zu verwirklichen ist. Ich glaube nämlich, dass die Zivilisation uns dazu zwingt, unsere Sicherheit und unser Glück in herrschaftlichem Verhalten zu suchen. Und deshalb sind wir gewohnt, dass Herrschaft unser Selbstgefühl, unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln regiert. Das geschieht dann aber unbewusst, so dass wir alles, was wir unter ihrem Diktat tun und fühlen, als normal, als unser natürliches Leben empfinden. Gelernt haben wir das in unserer frühkindlichen Erziehung.

Es lässt sich zeigen, dass Herrschaft nicht nur die Formen unseres Bewusstseins und Handelns durchdringt, sondern darüber hinaus die Struktur und Funktion der grundlegenden Institutionen der zivilisierten Gesellschaft bestimmt.

Fortsetzung folgt

Vermutlich empfinden manche die Formulierung „Das Eigentum und sein ICH“ als merkwürdig. „Das ich und sein Eigentum“ oder „Ich habe Eigentum“ wären verständlicher. Mit dieser Überschrift will ich aber deutlich machen, dass etwas, was uns selbstverständlich erscheint, uns gerade deshalb in die Irre führen kann. Also: In unserer Gesellschaft weiß man ohne nachzudenken, dass Eigentum z. B. einem Menschen „gehört“. Wenn er das Recht darauf hat, kann er von sich sagen: Ich besitze Eigentum. Ich bin Eigentümer. Hegel und andere Philosophen sagen, dass der einzelne Mensch nur als Eigentümer wirklich frei sein kann. Also: Ich bin Eigentümer. Ich bin frei. Ich bin ICH. Aber wer ist der oder die, welcher/welche sagt, ich habe Recht? Was heißt: Ich bin ICH?

Wie der Mensch lernt Ich zu sein

Die bürgerliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die vor allem vom Privateigentum bestimmt wird. Privateigentum ist ein Gut, dass zwar wie alle gesellschaftliche Produktion arbeitsteilig und kooperativ von der Gesellschaft produziert wird, dann aber der Willkür eines Individuums übereignet wird. In diesem und durch diesen Vorgang lernt es, sich als Ich und zwar als Eigentum besitzendes Ich zu verstehen. Die bürgerliche Gesellschaft besteht aus Menschen, die als Ich der Mittelpunkt ihrer Welt sind. Ich meine mit den Philosophen Hegel und Marx, dass eine Gesellschaft nicht bloß naturwüchsig entsteht und existiert, sondern dass sie von Menschen – zwar mehr befangen als bewusst – gemacht und erhalten wird. Das gilt auch für das Privateigentum, durch das Menschen sich als freie Menschen verstehen. Durch das sie sich sogar erst als sie selbst, sich als ICH, verstehen lernen, also auch sich selbst verwirklichen; und zu übersehen lernen, wie wichtig die anderen sind.

Das in unserer bürgerlichen Gesellschaft also zum Ich gehörende, freimachende private Eigentum wird durch das System von Lohnarbeit und Gewinn produziert. Lohnarbeit und Gewinn werden als privater „Anteil“ an der nicht privaten, sondern kooperativen Produktion verstanden. Mit diesem wird durch die mit Geld als individuell dargestellte und geglaubte Eigentums- oder Arbeitsleistung die Individualität inszeniert und die selbstverständliche und notwendige Gemeinschaftlichkeit der Produktion des Lebens und seiner Voraussetzungen unsichtbar. Tatsächlich wird dadurch der auf diese Weise exekutierte extrem ungleiche Erwerb von Macht, also die ebenso ungleiche Teilnahme an der Herrschaft, scheinhaft gerechtfertigt, aber zugleich auch der hier wirksame Herrschaftsmechanismus unsichtbar.

 Wie der genannte Mechanismus funktioniert, zeige ich in meinem Vortrag „Das Eigentum und sein ICH“ ausführlicher.

Es ist nur ein Schritt auf dem Wege zur herrschaftsfreien Gesellschaft:

Aber ich habe dafür gestimmt! Hier könnt Ihr auch mitmachen:

              Für Volksentscheide in der BRD!

Solidarität und Herrschaft bilden nach meiner Auffassung die Schlüsselbegriffe zum Verständnis der Situation der Gesellschaft. Deshalb habe ich versucht, sie in ihrer Beziehung aufeinander zu begreifen, um sie neu zu verstehen. 

Solidarität hat aber nach meiner Auffassung wenig von dem, was man als „romantische Liebe“ versteht. Denn sie erobert nichts und niemand und unterwirft sich niemals und keinem. Sie wird Widersprüche aushalten, Schuld nicht bloß moralisch werten, den Blick nicht rücksichtslos auf das Ich oder Du richten. Es geht ihr weder um isolierte Gruppeninteressen noch um Zwang zur einsamen Selbstverwirklichung.

Solidarität ist auch und sogar zuerst Liebe: befreiende, das Eigene und das ‚Andere’ tragende, Möglichkeiten annehmende und eröffnende Liebe. Solidarische Liebe ist die zum Menschen gehörende Weise des aus der Gemeinsamkeit stammenden individuellen Lebens, die das volle Lebensrecht jedes einmaligen Mitmenschen, seine Freiheit und sein Glück gewährt und verbürgt.

Herrschaft wird meistens als staatliche Herrschaft verstanden. Aber wie verbreitet Herrschaft in unserer Gesellschaft wirklich ist und wie sie wirkt, bleibt zumeist verborgen. Es lässt sich erst wahrnehmen, wenn wir lernen, den Begriff viel umfassender zu verstehen.

Das klingt wohl einfacher, als es zu verwirklichen ist. Ich glaube nämlich, dass wir bisher gelernt haben, unsere Sicherheit und unser Glück in der Herrschaft zu suchen, so dass Herrschaft unser Selbstgefühl, unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln regiert. Das geschieht zudem so, dass wir ihr Wirken gar nicht bemerken, sondern das, was wir unter ihrem Diktat tun und fühlen, als unser natürliches Leben empfinden.

Herrschaft durchdringt so gesehen nicht nur die Formen unseres Bewusstseins und Handelns, sondern darüber hinaus die Struktur und Funktion der grundlegenden Institutionen der zivilisierten Gesellschaft. 

Horkheimer und Adorno erblicken den Ursprung der Herrschaft am Anfang der Zivilisation im Zwang zur Herrschaft über die bedrohliche Natur; sie gilt ihnen als überflüssig in unserer Zeit des möglichen Überflusses. Meines Erachtens schließt die heute allgemein akzeptierte Theorie der Evolution ein, dass der in der westlichen Tradition überlieferte, uns alle bedrohende Abgrund zwischen Mensch und Natur künstlich konstruiert sein muss. Wie kann Natur, die uns hervorgebracht hat, uns grundsätzlich bedrohen? Es wäre ein Widerspruch in sich! Ihre Wahrnehmung als „Bedrohung“ ist offensichtlich gesellschaftlichen Ursprungs und die sogenannte „Selbsterhaltung“ dient nur der Plausibilisierung der Herrschaft. Neuere naturwissenschaftliche Forschung ergibt, dass zum Erbe der Evolution des Menschen dessen grundsätzliche Angewiesenheit auf Mitmenschen und die Fähigkeit zur ungezwungenen, solidarischen Kooperation bei der Produktion und Reproduktion des gemeinsamen Lebens gehört. Demnach hat es in meiner Sicht einen nachträglichen Einbruch von Konkurrenz in eine ursprünglich solidarische menschliche Gemeinschaft gegeben. Durch die Verweigerung der das gemeinsame und auch das individuelle Leben gewährleistenden Solidarität wird die unerlässliche Kooperation bedroht und das Leben des so Vereinzelten zum individuellen, prekären Überleben, das gesichert werden muss. Das geschieht durch Herrschaft.

Sicherung ist ein Grundprinzip der Herrschaft. Diese vernichtet die Solidarität, besetzt deren Stelle und ersetzt gemeinsame Lebenssorge durch erzwungene Arbeit. Herrschaft ist in meiner Sicht die Perversion der Solidarität. Herrschaft kolonisiert die Erde und verbreitet ihre Zivilisation. In herrschaftlich zivilisierten Gesellschaften wird die Gemeinschaft dann durch Individuation und Konkurrenz zerstört, die nach wie vor lebensnotwendige Kooperation also gefährdet. Paradoxerweise soll diese dann durch dieselbe Herrschaft wieder gesichert werden.

Herrschaft bestimmt nicht nur die staatliche Form der Gesellschaft und die Struktur und Funktion ihrer grundlegenden Institutionen. Sie durchdringt sogar die Formen des Bewusstseins und des Handelns zivilisierter Menschen. Hegels Analyse der zwischenmenschlichen Anerkennung entdeckt und die Psychoanalyse bestätigt die unaufhebbare Abhängigkeit der Individuen voneinander und deren Prägung durch Herrschaft.

Ergebnisse der Evolutions- und Neurobiologie bestätigen heute dagegen die freie Kooperation als Gattungsmerkmal der Menschen. Wir müssen also davon ausgehen, dass die Menschen vor Jahrtausenden der Herschaft ihr gemeinsames Leben solidarisch gestaltet haben, weil sie sonst als Menschengattung nicht überlebt hätten. Die zahlreichen Paradieserzählungen unterschiedlicher Kulturen überliefern, wie auch immer entstellt, genau diese Botschaft. Eine Botschaft, die auch auf die Zukunft gewendet werden könnte. Wenn Menschen grundsätzlich auch ohne Herrschaft miteinander kooperieren, dann wird die Erde den solidarischen und deshalb wirklich freien Menschen gehören. 

Diese neue Freiheit gehört einer zum anderen Subjekt offenen, durch Solidarität befreiten und deshalb weder vereinzelnden noch kollektivierbaren Individualität. In einer Gesellschaft, die getragen ist von freier, nämlich von auswegloser Herrschaft befreiter und befreiender Solidarität, welche diese Freiheit gemeinsam verwirklicht. Sie vermag es, weil ihre wechselseitige Anerkennung die gegenseitige Angewiesenheit als unvermeidbar notwendig und gerade deshalb als mit­einander zu teilende, in gemeinsamer Praxis befreiende, dem Mitmenschen „an sich zukommende“ (Hegel) Schuldigkeit erkennt.

Der Artikel steht auf einer Seite meiner Homepage. Ausführlicher werden diese Gedanken in meinem Vortrag Herrschaft oder Solidarität?  dargestellt, der auf Ergebnissen meiner Dissertation beruht.

 

 

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