Wissen wir, was wir tun?
Einige der korrekt gekleideten Teilnehmer der Besuchergruppe verzichten auf den zusätzlichen gemeinsamen Besuch des kleinen Museums in Oldoway, obwohl ein günstiges Gemeinschaftsticket den Eintritt verbilligt. Sie wollen sich stattdessen in der Zwischenzeit einen Kaffee kochen. Als sich dann später herausstellt, dass für das Ticket alle Angehörigen der Gruppe miteingerechnet worden sind, protestieren einige Kaffeetrinker lautstark, dass sie nicht für etwas bezahlen würden, was sie nicht gesehen haben.
In Oldoway sind aufsehenerregende Funde aus der Vorgeschichte gemacht worden. Vor vier Millionen Jahren war die Schlucht bereits der Aufenthalt von Vorfahren der Menschen. Hier lebten Mitglieder der Gattung Australopithecus robustus. Aber statt ehrfürchtigen Schweigens angesichts der Bedeutung des Ortes eskaliert der Streit unter den späten Nachkommen der Australopithecinen. „Sie haben Oldoway zur Kantine umfunktioniert und schreien wilde Worte“ kommentiert der Berichterstatter. „Es fehlt gerade, dass sie die Faustkeile aus den Vitrinen holen und beweisen, dass vier Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte den Kindern der Zivilisation eine hauchdünne Decke gebaut haben. Wenn sich, wie immer wieder und überall auf der Welt, das Archaische Bahn bricht, trägt sie nicht.“
Zu diesem Beweis ist es dann wohl doch nicht gekommen. Aber es ist merkwürdig genug, dass die Zivilisation solche und weit schlimmere Einbrüche des „Archaischen“ offenbar „immer wieder und überall auf der Welt“ erfährt. Die Deutung des Vorgangs wirkt aber ganz plausibel. Der gewöhnliche „Egoismus“ erscheint damit ebenso erklärbar, wie die nicht abreißenden Kriege und Bürgerkriege und die menschenverachtenden Grausamkeiten, zu denen Menschen so offensichtlich auf der ganzen Erde imstande sind. Es findet demnach üblicherweise seine letzte Ursache in der abgründigen, in ihrem Urzustand allen Mitmenschen feindlichen Natur des Menschen. Und ebenso selbstverständlich gilt, dass dieser furchtbaren Aggresionsbereitschaft nur mit Hilfe der Zivilisation beizukommen ist.
Man kann aber auch ganz andere Schlüsse ziehen und dass das in der Regel unterbleibt, sagt bereits etwas über die Natur dieses Vorgangs aus. Es ist nämlich denkbar, dass die beschworene Zivilisation selbst die Ursache dessen ist, was sie in Schach halten soll. Ich werde darauf zurückkommen.
Diese Zivilisation hat die Menschen nicht menschlicher gemacht. Sie erweist sich im Gegenteil immer deutlicher als die eigentliche Bedrohung. Wie konnte sie sich trotzdem über eine so lange Zeit hin als Lebensform etablieren? Wie kommt es, dass alle so Zivilisierten noch immer glauben, dass die Zivilisation allen anderen Gesellschaftsformen überlegen sei und die Menschen menschlicher machte? Woran liegt es, dass zu ihrer Vorstellung von der Zivilisation das Bild eines stetigen Fortschritts bei der Zurückdrängung von angeborener Gewaltbereitschaft gehört, die man mit unreflektiertem Darwinismus so plausibel wie falsch der tierischen Vergangenheit der Menschen zuschreibt? Kann es nicht eher nachdenklich machen, dass die westliche Zivilisation heute die ganze Erde erobert und offensichtlich zugleich ihre eigenen Existenzgrundlagen zerstört? Ausgerechnet die gerühmte zivilisierte Gesellschaft ist unfähig, ihre selbsterzeugten Probleme dauerhaft zu lösen. Liegt es vielleicht doch am aggressiven Charakter der Menschen, oder an ihrem unersättlichen Egoismus? Den hatte Marx als bloßes Strukturmerkmal des Kapitalismus identifiziert, das nach seiner Auffassung mit diesem verschwinden würde. Von beider Verschwinden kann aber gar keine Rede sein und angeborene Selbstsucht gilt heute ausgerechnet in den so zivilisierten Gesellschaften als einziger Antrieb der Welt.
(Dies ist ein weiterer Ausschnitt aus der Überarbeitung eines schon vor einiger Zeit entstandenen Buches über die solidarische Liebe. Ich will das fortsetzen.)



